Die deutsche Übersetzung des griechischen Textes: Pseudo-Proklos’ Sphäre, Modena, Bibiloteca Estense, Gr. 24: Procli Lycii Diadochi Platonici Libellus de Sphaera (Mut.)

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Als Übersetzungsvorlage verwende ich den ältesten griechischen Text der „Modena-Handschrift“ (Mut.). Gegenüber Joseph Gutenäckers (Würzburg, 1830) und Karl Manitius’ (Leipzig, 1898) deutschen Übersetzungen bemühe ich mich um zeitgemäßere und, wo nötig, freiere Formulierungen, die den Text verständlicher machen. Ergänzungen von mir stehen in eckigen Klammern.

Von der Achse und den Polen

Die „Achse“ des Kosmos wird „Durchmesser“ genannt, um den er sich dreht. Die Enden der Achsen aber werden „Pole“ des Kosmos genannt; von den Polen heißt der eine „Boreios“, der andere „Notios“. Der nördliche [Pol] aber ist derjenige, der für unseren Horizont immer sichtbar ist, der südliche [Pol] dagegen derjenige, der für unseren Horizont immer unsichtbar ist. Es gibt allerdings gewisse Orte auf der Erde, an denen es vorkommt, dass der Pol, der bei uns immer sichtbar ist, für jene unsichtbar ist; der Pol aber, der bei uns unsichtbar ist, für jene sichtbar. Und wiederum gibt es einen Ort auf der Erde, wo zwei Pole gleichmäßig auf dem Horizont liegen.

Von den Kreisen in der Sphäre

Von den Kreisen in der Sphäre sind die einen parallel, die anderen schief, die dritten gehen durch die Pole. Die parallelen Kreise sind die, welche die gleichen Pole wie der Kosmos haben. Es gibt fünf parallele Kreise: Der arktische Kreis, der Sommerwendekreis, der Äquator, der Winterwendekreis und der antarktische Kreis.

Der arktische Kreis also ist der größte der immer sichtbaren Kreise, der den Horizont in einem Punkt berührt und ganz über der Erde zu sehen ist. Die auf ihm liegenden Sterne gehen weder auf noch unter, sondern die ganze Nacht sieht man sie um den Pol kreisen. Dieser Kreis wird in unserer Wohngegend vom vorderen Fuß der Großen Bärin umschrieben.

Der Sommerwendekreis ist der nördlichste der von der Sonne beschriebenen Kreise. Wenn die Sonne auf ihm steht, bewirkt sie die Sommersonnenwende, in der es den längsten Tag im Jahr und die kürzeste Nacht gibt. Nach der Sommersonnenwende aber sieht man die Sonne nicht mehr nach Norden zurückkehren, sondern sie dreht sich auf den anderen Teilen des Kosmos. Deshalb wird er auch “Wende[kreis]“ genannt.

Der Äquator ist der größte der fünf parallelen Kreise, der vom Horizont so halbiert wird, dass ein Halbkreis über der Erde erfasst wird und ein anderer Halbkreis unter dem Horizont. Wenn die Sonne ihn berührt, bewirkt sie die Äquinoktien, das Frühlings- und das Herbst-Äquinoktium. Der Winterwendekreis ist der südlichste der von der Sonne beschriebenen Kreise bei der Umdrehung des Kosmos. Wenn die Sonne auf ihm steht, bewirkt sie die Wintersonnenwende, bei der es die längste Nacht und den kürzesten Tag im Jahr gibt. Nach der Wintersonnenwende aber sieht man die Sonne nicht mehr nach Süden zurückkehren, sondern sie wendet sich zu den anderen Teilen des Kosmos: deshalb wird dieser Kreis „Wende“ genannt.

Der antarktische Kreis ist gleich [groß] und parallel zum arktischen Kreis und berührt den Horizont in einem Punkt. Auch wird er ganz unter der Erde erfasst und diejenigen Sterne, die auf ihm liegen sind immer für uns unsichtbar. Von den vorher genannten fünf Kreisen ist der Äquator der größte, danach [folgen] an Größe die Wendekreise, am kleinsten aber sind in unserem Wohnsitz die arktischen Kreise. Diese Kreise muss man sich ohne Ausdehnung vorstellen, mit dem Verstande fassbar (verstehbar), aus dem Sitz der Sterne und aus der Betrachtung der Dioptra selbst und aus unserer Vorstellung sind sie abgeleitet. Denn im Kosmos ist nur ein Kreis sichtbar: die Milchstraße. Die übrigen [Kreise] sind mit dem Verstande sichtbar (intelligibel).

Warum es nur fünf parallele Kreise in der Sphäre gibt

Nur fünf parallele Kreise werden in der Sphäre verzeichnet, nicht nur weil es im Kosmos diese Parallelkreise gibt: Denn die Sonne führt jeden Tag sichtbar einen zum Äquator parallelen Kreis infolge der Umdrehung des Kosmos aus. Daher werden zwischen den Wendekreisen zweimal 180 parallele Kreise von der Sonne beschrieben, denn so viele Tage liegen zwischen den Wenden. Alle Sterne bewegen sich jeden Tag auf parallelen Kreisen. Diese werden alle auf dem Globus eingezeichnet, weil sie auch zu anderen Themen in der Astronomie viel beitragen. Denn ohne alle parallelen Kreise kann die Sphäre nicht richtig mit Sternen versehen werden. Und die Länge der Tage und Nächte kann nicht genau bestimmt werden ohne die vorher genannten Kreise. Da sie aber zur ersten Einführung in die Astronomie keinen Nutzen bringen, werden sie nicht in der Sphäre verzeichnet. Die fünf parallelen Kreise werden, da sie einen bestimmten Nutzen zur Einführung in die Astronomie beitragen, [immer] in der Sphäre eingetragen: Der Arktikos ist die Grenze der immer sichtbaren Sterne, der Sommerwendekreis enthält die Sommersonnenwende und ist der Endpunkt des Wechsels der Sonne zum Nordpol. Der Äquator umfasst die Äquinoktien, der Winterwendekreis ist die Grenze des Fortschreitens der Sonne nach Süden und enthält die Wintersonnenwende. Der antarktische Kreis aber ist die Grenze der nicht sichtbaren Sterne. Da sie [die fünf Parallelkreise] also bestimmte Hauptthemen vertreten und einen Nutzen zur Einführung in die Astronomie haben, werden sie in mit gutem Grund auf den Globus eingezeichnet.

Über das Erscheinen und Verschwinden der fünf parallelen Kreise

Von den vorher genannten fünf parallelen Kreisen wird der arktische Kreis ganz über der Erde erfasst. Der Sommerwendekreis wird vom Horizont in zwei ungleiche Teile geteilt und der größere Teil liegt über der Erde, der kleinere unter der Erde. Nicht in jedem Land und in jeder Stadt wird der Sommerwendekreis vom Horizont gleichmäßig geteilt, sondern mit dem Wechsel der Klimazonen ergeben sich verschiedene Abstände zwischen den Zonen. Und für die von uns, die mehr zum arktischen [Pol] hin wohnen, ergibt es sich, dass der Sommerwendekreis vom Horizont in weniger gleiche Teile geteilt wird; und der Endpunkt ist ein Land, in dem der ganze Sommerwendekreis über der Erde erscheint. Für die aber von uns, die mehr nach Süden wohnen, wird [der Sommerwendekreis] vom Horizont in gleichere Teile geteilt. Der Sommerwendekreis wird vom Horizont geteilt und der Endpunkt ist ein Land, das von uns aus nach Süden liegt, in dem der Sommerwendekreis vom Horizont halbiert wird; und zwar wird er so geteilt, dass drei Teile über der Erde erfasst werden und fünf Teile unter der Erde. Zu diesem Klima hat auch Arat offenbar sein Werk über die Himmelserscheinungen verfasst, denn er sagt über den Sommerwendekreis: „Wenn er [der Sommerwendekreis] in annähernd acht Teile geteilt wird, drehen sich fünf über der Erde und drei am Ende der Welt: Es sind die Wenden des Sommers.“ Aus dieser Einteilung folgt, dass der längste Tag fünfzehn äquinoktische Stunden besitzt, die Nacht aber neun äquinoktische Stunden.

Am Horizont von Rhodos wird der Sommerwendekreis vom Horizont so geteilt, dass, wenn der ganze Kreis in 48 Teile geteilt wird, 29 Teile über dem Horizont zu sehen sind und 19 unter der Erde. Aus dieser Einteilung folgt, dass der längste Tag in Rhodos vierzehn einhalb äquinoktische Stunden hat, die Nacht aber neun einhalb äquinoktische Stunden. Der Äquator aber wird auf der ganzen bewohnten Erde vom Horizont in zwei Teile geteilt, so dass ein Halbkreis über der Erde wahrnehmbar ist und ein Halbkreis unter der Erde. Aus diesem Grund entstehen in diesem Kreis Äquinoktien.

Der Winterwendekreis wird vom Horizont so geteilt, dass der kleinere Teil über der Erde erscheint, der größere unter der Erde: Die Ungleichheit der Teile bleibt in allen Klimazonen im gleichen Verhältnis. Denn überall sind die abwechselnden Teile der tropischen Kreise zueinander gleich: Aus diesem Grund ist der längste Tag gleich der längsten Nacht, und der kürzeste Tag ist gleich der kürzesten Nacht. Der antarktische Kreis aber ist ganz unter dem Horizont verborgen.

Von der Größe der fünf parallelen Kreise

Von einigen der vorher genannten fünf parallelen Kreise bleibt die Größe auf der ganzen bewohnten Erde gleich, von den anderen verändert sie sich entlang der Klimazonen. Auch sind für die einen die Kreise größer, für die anderen kleiner. Zwar bleiben die Wendekreise und der Äquator in der ganzen Wohngegend in ihrer Größe gleich, doch verändern sich die arktischen Kreise: Für die einen werden sie größer, für die anderen kleiner. Für die nämlich, die nach Norden hin wohnen, erscheinen die arktischen Kreise größer. Wenn der Pol nördlicher erscheint, muss auch der arktische Kreis, der den Horizont berührt, immer größer werden. Außerdem wird für die, die nach Norden hin wohnen, der Sommerwendekreis zum arktischen Kreis. Daher begrenzen sich die beiden Kreise, Sommerwendekreis und arktischer Kreis, gegenseitig und nehmen eine Position ein. Zu denselben nördlicheren Orten hin werden auch die arktischen Kreise größer als der Sommerwendekreis. Das Ende ist ein Land, das nach Norden gelegen ist, in welchem der Pol im Scheitel steht, der arktische Kreis aber die Position des Horizonts innehat und von ihm begrenzt wird bei der Wende des Kosmos. Er nimmt dieselbe Größe ein wie der Äquator. Daher besetzen drei Kreise, der Arktikos, der Äquator und der Horizont, die gleiche Stellung. Wiederum werden die Pole für diejenigen, die gen Süden wohnen, tiefliegender, die arktischen Kreise aber kleiner. Der Endpunkt ist ein Land, das von uns aus nach Süden liegt; man sagt, dass es sich unter dem Äquator befindet, in welchem die Pole unter dem Horizont liegen. Die arktischen Kreise aber fallen ganz weg, so dass aus fünf parallelen Kreisen drei parallele Kreise werden, die beiden Wendekreise und der Äquator.

Wegen des vorher Gesagten darf nicht angenommen werden, dass es überall fünf parallele Kreise gebe, sondern dass diese Zahl für unseren Wohnbereich gelte. In einigen Horizonten nämlich liegen nur drei parallele Kreise. Ferner existieren Wohnsitze auf der Erde, von denen der erste Wohnsitz [derjenige ist, in welchem] der Sommerwendekreis den Horizont berührt und die Stellung des arktischen Kreises einnimmt. Der zweite Wohnsitz wird „unterhalb der Pole liegend“ genannt. Der dritte Wohnsitz, von dem ich kurz danach gesprochen habe, wird als „unter dem Äquator liegend“ bezeichnet.

Von der Anordnung der fünf parallelen Kreise

Daher ist diese Anordnung der fünf parallelen Kreise auch nicht bei allen [Bewohnern] dieselbe, sondern in unserer Wohngegend wird der erste Kreis „Arktikos“ genannt, der zweite „Sommerwendekreis“, der dritte „Äquator“, der vierte „Winterwendekreis“, der fünfte „Antarktikos“. Für die, die mehr zum arktischen [Pol] hin wohnen als wir, ist der erste Kreis der Sommerwendekreis, der zweite der arktische Kreis, der dritte der Äquator, der vierte der Antarktikos, der fünfte der Winterwendekreis. Bei wem nämlich der Arktikos größer ist als der Sommerwendekreis, muss auch die vorher genannte [Ordnung] herrschen.

Von den Aufgaben der fünf parallelen Kreise [oder vom Leben am Äquator]

In gleicher Weise sind die Aufgaben der fünf parallelen Kreise nicht dieselben. Was bei uns der Sommerwendekreis ist, wird für die Bewohner des entgegengesetzten Erdteils der Winterwendekreis. Was bei denen aber der Sommerwendekreis ist, wird bei uns zum Winterwendekreis. Für die nun, die unterhalb des Äquators wohnen, sind von ihren Eigenschaften her [alle] drei Kreise Wendekreise; sie liegen nämlich unterhalb des Umlaufs der Sonne. Durch den Wechsel ineinander wird der Sommerwendekreis zu unserem Äquator und die beiden Wendekreise werden Winterwendekreise. Es kann natürlicherweise gesagt werden, dass der Sommerwendekreis überall der Wohngegend am nächsten liegt. Aus diesem Grund wird für die, die unterhalb des Äquators wohnen, der Sommerwendekreis zum „Äquator“: Dann wandert für sie nämlich die Sonne am Scheitel entlang. Die äquinoktischen Kreise aber werden bei ihnen alle zu Parallelkreisen, denn es gibt bei ihnen ständig Äquinoktien und alle Parallelkreise werden vom Horizont in zwei [gleiche] Teile geteilt.

Von den Abständen der fünf parallelen Kreise

Die Kreise behalten nicht in der ganzen Wohngegend dieselben Abstände zueinander, sondern für den Globus wird so aufgeteilt: Wenn der ganze Meridiankreis in der Breite in 60 Teile (zu 6°) geteilt wird, wird der Abstand des Arktikos vom Pol in sechs Sechzigsteln (36°) beschrieben. Auf der anderen Seite wird er mit einem Abstand von fünf Sechzigsteln (30°) zum Sommerwendekreis beschrieben. Der Äquator hat zu jedem der Wendekreise einen Abstand von vier Sechzigsteln (24°). Der Winterwendekreis besitzt vom Antarktikos einen Abstand von fünf (30°) Sechzigsteln. Der Antarktikos dagegen besitzt vom Pol einen Abstand von sechs Sechzigsteln (36°). In keinem Land und in keiner Stadt haben die Kreise dieselben Abstände voneinander, sondern die Wendekreise besitzen vom Äquator in jedem [Breiten-]Winkel denselben Abstand. Von den arktischen Kreisen aber haben sie [die Parallelkreise] nicht denselben Abstand in allen Horizonten, sondern die einen haben einen kleineren, die anderen einen größeren Abstand. In gleicher Weise haben die arktischen Kreise von den Polen nicht in jedem [Breiten-]Winkel den gleichen Abstand, sondern die einen besitzen einen kleineren, die anderen einen größeren Abstand. Es werden also alle Sphären nach dem Horizont in Griechenland gezeichnet.

Von den Kolurenkreisen

Durch die Pole gibt es Kreise, die von einigen Koluren genannt werden, welche die Eigenschaft haben, dass sie in ihren eigenen Umgebungen die Pole des Kosmos besitzen. Koluren aber werden sie genannt, weil einige Teile von ihnen unsichtbar sind, denn die übrigen Kreise werden in der Umgebung des Kosmos ganz gesehen. Von den Koluren aber sind einige Teile unsichtbar, die vom Arktikos unter dem Horizont erfasst werden. Beschrieben werden also alle Kreise durch die Wendepunkte. Und sie teilen den Kreis in 30 [bei Geminos vier] gleiche Teile, geteilt durch die Mitte der Tierkreis[zeichen].

Von den Tierkreiszeichen

Schief ist der Kreis der zwölf Tierkreiszeichen. Er besteht aus drei parallelen Kreisen, von denen die einen die Breite des Tierkreises begrenzen sollen, der dritte aber soll durch die Mitte der Tierkreiszeichen [gehen] [= Ekliptik]. Dieser berührt zwei gleiche und parallele Kreise: den Sommerwendekreis im ersten Grad des Krebses, den Winterwendekreis im ersten Grad des Steinbocks und im ersten Grad des Steinbocks; den Äquator schneidet er im ersten Grad des Widders und des Krebses. Die Breite des Tierkreises beträgt zwölf Grad. Der Tierkreis wird schief genannt, weil er die parallelen Kreise unterteilt.

Vom Horizont

Der Horizont ist ein Kreis, der den für uns sichtbaren und den unsichtbaren Teil des Kosmos trennt. Er halbiert die ganze Sphäre des Kosmos, so dass die eine Teilsphäre über der Erde wahrgenommen wird, die andere unter der Erde. Es gibt zwei Horizonte, einen sichtbaren und einen, der mit dem Geist intelligibel ist. Der sichtbare Horizont ist jener, der von unserer Sehkraft mit Rücksicht auf die Begrenzung des Sichtfeldes beschrieben wird, so dass er keinen größeren Durchmesser als 2.000 Stadien hat. Der Horizont, der mit dem Geist sichtbar ist, reicht bis zur Sicht der Sphäre der Fixsterne und halbiert den ganzen Kosmos.

Nicht in jedem Land und jeder Stadt gibt es denselben Horizont, sondern auf eine Sicht von fast 400 Stadien (74, 4 km) bleibt der Horizont derselbe, so dass die Länge der Tage, das Klima und alle (Himmels-)Erscheinungen dieselben bleiben. Wenn mehr Stadien zurückgelegt werden, entsteht im Wechsel der Wohnstätte ein Horizont, der über die Klimazonen hin wechselt und alle Erscheinungen verändert. Man muss allerdings den Wechsel des Wohnorts über 400 Stadien (74, 4 km) hin in Verbindung mit dem Umlauf [der Sonne] nach Norden und nach Süden verstehen. Für die nämlich, die auf demselben Parallelkreis in einem Abstand von 10.000 Stadien wohnen, wechselt der Horizont, das Klima aber bleibt dasselbe wie auch die [Himmels]-Erscheinungen. Allerdings werden die Anfänge und Enden der Tage nicht für alle Bewohner desselben Parallelkreises dieselben sein, sondern bei genauer Betrachtung verändert sich zugleich mit dem geringsten Umlauf nach irgendeinem Teil des Kosmos auch der Horizont, die [geographische] Breite und alle verschiedenen Erscheinungen.

Der Horizont wird nicht in den Globen eingezeichnet aus dem Grund, dass alle übrigen Kreise, wenn er sich dreht, vom Aufgang bis zum Untergang (von Osten nach Westen) zusammen herumgewendet werden, zusammen mit der Bewegung des Kosmos. Der Horizont aber ist von Natur unbeweglich und bewacht dieselbe Stellung im All. Wenn nun die Horizonte in den Globen eingetragen würden, würde, wenn sie sich drehen, der Horizont sich bewegen und im Scheitel stehen, was unmöglich ist und der Idee der Kugel widerspricht. Von der Stellung der Sphäre jedoch lässt sich die Stellung des Horizonts erkennen.

Von den Meridianen

Der Meridian ist ein Kreis, der durch die Pole des Kosmos und das Zeichen im Scheitel gezeichnet wird. Auf ihm vollzieht die Sonne, wenn sie aufgegangen ist, Mittag und Mitternacht. Auch dieser Kreis ist im Kosmos unbeweglich und bewacht dieselbe Stellung auf der ganzen Wende des Kosmos. Dieser Kreis wird nicht in den bestirnten Sphären eingezeichnet, da er unbeweglich ist und er erfährt auch keine Veränderung. Auf eine Sicht von fast 30 Stadien (5.580 m) bleibt der Meridian fast derselbe. Bei genauer Betrachtung aber entsteht zugleich mit dem vorhandenen Umlauf entweder zum Aufgang oder zum Untergang ein anderer Meridian. Denn beim Umlauf zum arktischen [Pol] und nach Süden – dazwischen liegen 10.000 Stadien (1.860 km) – bleibt der Meridian derselbe: Auf der Wende vom Aufgang zum Untergang aber gibt es Veränderungen der Meridiane.

Von der Milchstraße

Schief ist auch der Kreis der Milchstraße und zieht sich auf einer größeren Fläche schräg durch den Wendekreis. Sie besteht aus nebelartigen Elementen und ist allein im Kosmos sichtbar. Ihre Fläche ist nicht eingrenzbar, sondern in einigen Teilen ist sie breiter, in einigen enger. Aus diesem Grund wird die Milchstraße in den meisten Globen nicht eingezeichnet. Auch gehört sie zu den größten Kreisen. Zu den größten Kreisen in den Globen gehören jene, die das gleiche Zentrum wie die Sphäre haben: Es gibt sieben größte Kreise, den Äquator, den Tierkreis, derjenigen Kreis, der durch die Mitte der Tierkreiszeichen geht [Solstitialkolur], denjenigen, der durch die Pole geht [Äquinoktialkolur], den Horizont in dem jeweiligen Wohnsitz, den Meridian und die Milchstraße.

Von den fünf Zonen

Die kugelförmige Oberfläche der ganzen Erde wird in fünf Zonen geteilt, von denen zwei um die Pole gehen. Diejenigen, die am weitesten vom Umlauf der Sonne entfernt liegen, werden „Gefrorene“ genannt und sind unbewohnbar aufgrund der Kälte. Sie werden von den arktischen Kreisen bis zu den Polen begrenzt. Diejenigen von ihnen, die verhältnismäßig näher zum Umlauf der Sonne liegen, werden „Gemäßigte“ genannt. Sie [= die Zonen] werden von den arktischen Kreisen im Kosmos und den tropischen Kreisen, zwischen denen sie liegen, begrenzt. Die andere Zone, die mittlere der vorher genannten vier, [liegt] auf dem Umlauf der Sonne selbst und wird „Verbrannte“ genannt. Sie wird vom Äquator auf der Erde in zwei Teile geteilt, der unterhalb des Äquators im Kosmos liegt. Von den zwei temperierten Zonen besitzt eine Sphäre die Eigenschaft, dass sie von den [Menschen] unserer Wohngegend bewohnt wird, deren Länge am ehesten 100.000 Stadien (18.600 km) beträgt, die Breite am ehesten die Hälfte.

Von den bestirnten Tierkreisen

Der bestirnte Tierkreis wird in drei Teile geteilt: Denn die einen [Zeichen] von ihnen liegen auf dem Tierkreis, die anderen werden „Nördliche“ genannt; wieder andere werden „Südliche“ genannt. Die Tierzeichen also, die auf dem Tierkreis liegen, sind zwölf, deren Bezeichnungen ich anderswo erwähnt habe; und unter den zwölf Tierkreiszeichnen gibt es Sterne, die eigene Namen verdienen, weil sie deren Vorzeichen sind. Die Sterne nämlich, die auf dem Rücken des Stiers liegen, haben die Zahl sechs und werden „Pleiaden“ genannt. Die Sterne aber, die am Kopf des Stiers liegen, besitzen die Zahl fünf und werden „Hyaden“ genannt: Der Stern, der den Füßen der Zwillinge vorangeht, wird als „Vorfuß“ bezeichnet. Diejenigen [Sterne], die in der wolkigen Dichte des Krebses sichtbar sind, werden „Krippe“ genannt. Die beiden Sterne, die in der Nähe von ihr liegen, heißen „Esel“. Der leuchtende Stern, der im Herzen des liegenden Löwen liegt, trägt denselben Namen wie der Ort, an dem er sich befindet und heißt „Herz des Löwen“. Von einigen, die aus dieser Gegend stammen, wird er „kleiner König“ genannt, weil sie glauben, dass er eine königliche Geburt habe. Der leuchtende Stern aber, der auf den Fingerspitzen der linken Hand der Jungfrau liegt, wird „Kornähre“ genannt; der kleine Stern, der auf dem rechten Flügel der Jungfrau liegt, „Bote der Weinlese“. Die vier Sterne, die auf den rechten Fingerspitzen des Wasserspenders liegen, heißen „Urnen“. Die Sterne aber, die von den Hinterflossen der Fische her in einer Reihe liegen, werden „Bänder“ genannt. Auf dem südlichen Band liegen neun Sterne, auf dem nördlichen Band fünf Sterne. Der auf dem äußersten Band liegende helle Stern trägt den Namen „Knoten“.

Die nördlichen Sterne des Tierkreises sind jene, die zum arktischen [Pol] hin liegen, nämlich folgende: Die große und die kleine Bärin, der Drache, der zwischen den Bärinnen [liegt], der Bärenwächter, der Kranz, der Pfeil, der Adler, der Delphin, das Pferdegesicht nach Hipparchos, das Pferd, Kepheus, Kassiopeia, Andromeda, Perseus, der Zügellenker, das Dreieck und der später von Kallimachos verstirnte [Stern], das „Haar der Berenike“. Dann gibt es unter diesen auch Sterne, die ihre eigenen Bezeichnungen haben wegen der allgemeinen Benennungen, die ihnen gegeben wurden. Denn der mitten zwischen den Schenkeln des Bärenwächters liegende besondere Stern wird „Wächter“ („Arktur“) genannt. Der neben der Lyra liegende helle Stern trägt denselben Namen wie der ganze Tierkreis: „Lyra“. Die kleinen Sterne, die auf den linken Fingerspitzen des Perseus liegen, werden als „Gorgonenhaupt“ bezeichnet. Die festen kleinen Sterne, die auf den rechten Fingerspitzen des Perseus liegen, werden als „Falke“ verstirnt. Der helle Stern, der auf der linken Schulter des Zügellenkers liegt, heißt „Ziege“; die beiden kleinen Sterne auf den linken Fingerspitzen „Böckchen“.

Die südlichen Sterne sind alle jene, die zum Meridian des Tierkreises hin liegen: Orion, Prokyon, der Hase, die Argo, die Hydra, der Krug, der Rabe, der Zentaur, das wilde Tier, das der Zentaur besiegt und Thyrsolochos, den der Zentaur überwältigt hat, das Weihrauchgefäß, der südliche Fisch, das Seemonster, das Wasser des Wasserspenders, der Fluss, der aus dem Orion fließt, der südliche Kranz, der von einigen „königlich“ genannt wird, der Heroldsstab gemäß Hipparchos. Dann gibt es unter diesen einige Sterne, die eigene Bezeichnungen haben. Der helle Stern nämlich, der sich im „Prokyon“ befindet, wird „Prokyon“ genannt. Der helle Stern im Maul des Hundes, der die Verlängerung der Hitze zu machen scheint, hat den gleichen Namen wie der ganze Tierkreis: „Hund“. Der helle Stern, der am äußersten Paddel der Argo liegt, wird „Kanobos“ genannt. Dieser ist in Rhodos kaum zu sehen, oder ist ganz von hohen Orten sichtbar. In Alexandria aber ist er ganz sichtbar, denn fast ein Viertel des Tierkreises erscheint über dem Horizont.